2000 Libyen Tunsien Bericht

Dieses Jahr war es endlich soweit. Wovon ich bisher nur gelesen hatte konnte ich jetzt am eigenem Leib „erfahren“.
Nachdem ich 1997 mit meiner Freundin schon mal in Marokko war und dort die ersten Saharaausläufer mit der Africa Twin und Gepäck kennengelernt hatte ging es diesmal ohne Gepäck in den Sand. Mit einer privat organisierten Gruppe, 19 Personen, ging es Anfang Oktober los. Wir starteten mit 2 geländegängigen Tatras, 2 Geländewagen, und 7 Motorrädern. Die Motorräder waren auf der Hinfahrt bis Tunis, und auf der Rückfahrt ab Tunis, auf dem Pritschentatra verladen. Die 2.500 Autobahnkilometer haben wir im trockenem und warmen Führerhaus des Tatras verbracht. Am Anfang war ich etwas skeptisch mit einer so großen Truppe zu fahren, da ich bisher fast immer zu zweit  unterwegs war und die Urlaubsplanungen selbst erledigt habe. Die Zweifel waren aber umsonst. Es war alles ausgezeichnet organisiert und die „Mischung“ der Leute war in Ordnung, wir hatten viel Spaß miteinander.
Bis zur Libyschen Grenze hatten wir uns 5 Tage Zeit gelassen. Klaus, unser Tourorganisator, hoffte diesmal etwas schneller über die Grenze zu kommen als bei seiner letzten Libyentour vor 2 Jahren, als er 4 Stunden brauchte. Morgens um 3°° sind wir auf tunesischer Seite angereist und mittags um 14°° Uhr waren wir auf libyscher Seite fertig, im wahrsten Sinne des Wortes. Alleine die Ausgabe der arabischen Nummernschilder für unsere 11 Fahrzeuge hat bestimmt 6 Stunden in Anspruch genommen. Hätte man unsere inneren Verwünschungen und Flüche gehört, ständen wir jetzt noch an der Grenze. Als wir die Grenzstation dann nur noch im Rückspiegel sahen ging es mit der Stimmung schnell wieder bergauf.
Auf landschaftlich ziemlich öder Asphaltstrecke fuhren wir bis Darj. Kurz vor Darj (Camp 10 ) haben wir Motorradfahrer dann unsere Bereifung gewechselt. Meiner AfricaTwin verpasste ich vorne einen TKC 80 (Conti) und hinten den Stoneking von Mitas. Offroad war ich mit diesem Mix sehr zufrieden, auf der Straße jedoch waren die ersten Kilometer eher ein Eiertanz. Hinter Darj ging es dann endlich auf die Piste Richtung Idri. Der erste Pistentag war ziemlich chaotisch. 2 relativ langsame LKW’s, 2 Geländewagen und, leider nur noch 6 Motorräder, müssen halt erstmal den richtigen Fahrrhythmus herausfinden. Außerdem gab es den ersten Sturz und ein paar Reifenpannen. Frank, unser Krankenpfleger, sollte auf dieser Tour leider noch zur vielbeschäftigsten Person werden. In Tunesien war der erste Motorradfahrer aus dem LKW gefallen – Hand gebrochen, am 3. Pistentag gab es einen Motorradsturz, diesmal mit Schlüsselbeinbruch – kein guter Anfang.
Das Wetter war in den ersten Tagen auch nicht gerade der Hit. Es war die meiste Zeit bewölkt und diesig. Am Abend gab es schon mal ein paar Tropfen Regen, was nicht so schlimm war, aber es wurde dann auch immer sehr windig, und sehr windig heißt: sehr sandig.
Im Schlafsack liegend, gab es dann täglich den Kampf sich zu entscheiden: Schlafsack zuschnüren, d.h. ohne Sand schlafen aber dafür im eigenem Saft zu schmoren oder Schlafsack auf, nicht so viel schwitzen dafür aber paniert zu werden. Über diesen Kampf bin ich regelmäßig eingeschlafen und Sand hatte ich am nächsten Morgen immer genug im Schlafsack. Es dauert schon ein paar Tage bis man dem Sand gegenüber eine gewisse Gleichgültigkeit entwickelt hat, denn in der Wüste muss man halt mit ihm leben. In Idri angekommen suchten wir zuerst das Krankenhaus auf um Röntgenaufnahmen unserer Patienten machen zu lassen. Franks Diagnosen, Hand und Schlüsselbeinbruch, wurden bestätigt.
Über Sabha, wo wir uns noch die Einreisestempel abholen mussten, ging es dann weiter bis kurz vor Germa, wo wir 3 Nächte auf einem Zeltplatz Rast machen wollten. Unser erster Gedanke galt der Dusche, doch dieser wurde dann noch etwas verdrängt denn das Dünenmeer des Erg Ubari lag direkt vor uns. Jetzt war es endlich soweit: Das erste mal mit der Twin so richtig im Sand wühlen! Darauf hatte ich mich schon lange gefreut. Das eigentliche Fahren im tiefen Sand bereitete mir keine Probleme aber anfangs hatte ich immer an den falschen Stellen angehalten, so dass buddeln angesagt war. Mit ein bisschen Übung hatte ich den Bogen jedoch schnell raus. Irgendwann musste dann auch die erste Düne „genommen“ werden. Nach dem zweiten oder dritten Anlauf schaffte ich es dann auch auf dem Dünenkamm stehen zu bleiben und mich nicht zwei oder drei Meter davor einzubuddeln. Man steht dann dort oben und vor einem geht es fast senkrecht bergab. Das erste Mal kostet es noch etwas Überwindung diese Senkrechte runterzufahren, nach dem zweiten Mal macht es einfach nur noch Spaß. Die Zauberformel heißt: wohldosiert Gas geben- und der Rest geht dann fast von alleine. Ein geiles Fahrgefühl. Dieses Fahrgefühl wurde jedoch unserem dritten Motorradfahrer zum Verhängnis. Er sauste mit seiner Twin über einen Dünenkamm ohne zu wissen wie es dahinter aussieht und fabrizierte eine recht unsanfte Landung. Diese Diagnose lautete, Schulter ausgekugelt und Twin krumm. Danach hatten wir vom Fahren genug und gingen endlich duschen. Für den kommenden Morgen war die Fahrt zu den Mandaraseen geplant, eines der Highlights der Tour. Mit zwei Geländewagen und drei  Motorrädern ging es nach dem Frühstück los. Nach ca. 40 km erreichten wir den ersten See.
Eine traumhafte Kulisse inmitten der Sandwüste. Das Fahren im Sand ist an Fahrspaß kaum zu überbieten. Das einzige Manko sind nur die vielen Pfunde der Africa Twin, wenn ich sie dann doch mal ausbuddeln musste. Am Gabroonsee haben wir eine längere Pause eingelegt, und wer Lust zum Baden hatte, ist in den See gesprungen. Gegen 16 Uhr ging es zurück und kurz nach Einbruch der Dunkelheit waren wir wieder auf dem Zeltplatz. Ein toller Tag war zu Ende. Fast 180 km Fahrstrecke zeigte das GPS Gerät an. Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Wadi Mathendous. Von Germa bis ins Wadi sind es ca. 200 km. Der größte Teil der Strecke ist topfeben und wir konnten mit den Moppeds mal richtig Gas geben. Stellenweise zeigte der Tacho gut 150 km/h an. Im Wadi gibt es sehr gut erhaltene, ca. 10.000 Jahre alte unter den Schutz der Unesco gestellte Felsbilder zu besichtigen. Die Felsbilder sind wirklich sehr gut erhalten und lohnen das Anschauen auf jeden Fall. Leider lassen sich auch hier am „Ende der Welt“ schon Spuren von Kulturvandalismus ausmachen. Neben den historischen Felsgravuren sind teilweise schon neuzeitliche Graffitis in den Stein geritzt.
Nach 2 Nächten an diesem einsamen Fleckchen Erde ging es über eine, laut Reiseführer neu geschobene Trasse, durchs Wadi zurück Richtung Germa. Die Piste war so „gut“, dass wir für die ersten 12 km 2.5 Std. brauchten. Danach ging es aber wieder recht zügig weiter.
In Germa sind wir wieder ein Stück in den Erg Ubari gefahren, um ein letztes mal in den Dünen zu campieren. Es ist ein tolles Gefühl im Schlafsack unter sternenklarem Himmel neben einem Lagerfeuer zu liegen, den Tag nochmal Revue passieren zu lassen, und dabei
einzuschlafen. Früh morgens ging es auf Asphalt bis Brak.(Camp 17). Eine Reparatur am Tatra wollten wir nutzen um in Sebhata Geld zu tauschen. Zum Glück hatten wir noch Französische Francs, denn DM konnten wir in ganz Libyen nicht umtauschen. Erst die vierte Bank war in der Lage uns Franc zu wechseln. Was uns sehr verwunderte war der Umtauschkurs in den Banken, er war in Ghadames z.B. besser als der Schwarzmarktkurs auf tunesischer Seite. Von Brak aus ging es nach Idri. Dort knöpfte uns die Polizei  dann nach längeren Preisverhandlungen nur 6 statt 12 Dinar für einen völlig unnötigen, da schon vorhandenen, Einreisestempel ab. Dieser Stempel besteht unter anderem aus einer Briefmarke mit Aufdruck 5 Dinar, der Rest wanderte mit Sicherheit in die eigene Tasche. Nachdem wir unsere Reisepässe alle zurück hatten ging es endlich wieder auf die Piste Richtung Daraj. Diesmal wählten wir eine westlichere Route als auf der Hinfahrt. Nach ca.100 km landschaftlich sehr schöner Strecke erreichten wir einen herrlichen Lagerplatz an einem Brunnen der uns mit kaltem klaren Wasser versorgte. (Camp 18). Am nächsten Tag durchquerten wir ein Dünengebiet. Hier bin ich dann zum ersten Mal über den Lenker „abgestiegen“. Nachdem ich über den vor mir liegenden Dünenkamm hinweg sehen konnte und sah, dass es auf ebener Strecke weiter ging, gab ich richtig Gas. Die Beschleunigungsphase hielt jedoch nicht lange an. Das Vorderrad versank urplötzlich im Sand und ehe ich mich versah steckte ich auch schon mit dem Kopf in selbigem. Nachdem mein Kopf ausgebuddelt und das Genick heile war, war Twin ausbuddeln und schieben angesagt. Wenig später hatte sich jedoch auch unser Pritschentatra eingebuddelt, der sich aber mit seiner Seilwinde, die am zweiten Tatra befestigt wurde, selbst befreien konnte. Solche tückischen Weichsandstellen kannte ich bisher auch nur vom lesen, jetzt kann ich selber darüber schreiben. An diesem Tag hatte ich mir zum ersten Mal etwas mehr Leistung für die Twin gewünscht. Auf einigen Sandpassagen hatte ich das Gefühl einfach festgehalten zu werden. Die Twin ackerte im 2. Gang bei ca. 5-6.000 Touren und ich musste des öfteren die Kupplung lupfen um sie auf Touren halten zu können. Im 3. Gang hatte ich überhaupt keine Chance vorwärts zu kommen. Nicht gerade materialschonend, aber Spaß hat’s trotzdem gemacht. Die letzten 200 Pistenkilometer bis Daraj waren absolut öde. Auch die weiteren 100 km bis Ghadames waren recht eintönig. Die Stadt selbst war aber für uns ein „Muss“. Wir heuerten einen deutschsprachigen Guide an der uns durch die Altstadt führte und viel über deren Geschichte von Ghadames zu erzählen wusste. Anschließend führte unser Weg über Nalut bis an die Küste nach Sabrata. Das einzige Highlight auf dieser 600 k m langen Strecke war unser Nachtlager bei Nalut. Wir campierten auf einer Abbruchkante von der man einen hervorragenden Ausblick in die 500 Meter tiefer liegende Jifarah-Ebene hat. Hier den Sonnenunter- und -aufgang zu sehen war ein echtes Erlebnis.
In Sabrata stand noch mal Kultur auf dem Programm. Die Ausgrabungsstätte ist unter den Schutz der Unesco gestellt, was schon viel über deren Bedeutung aussagt. Besonders gut erhalten ist noch das Theater. Die letzte Nacht in Libyen verbrachten wir an dem dreckigsten Strand den ich bis dahin gesehen hatte. Dies mussten wir aber hinnehmen, da wir alle noch mal in die warmen Fluten springen wollten. Die 100km bis zur tunesischen Grenze glichen fast einer Fahrt durch eine Mülldeponie. Überall an den Straßen riesige Müllberge. Umweltschutz existiert hier nicht.
An der Grenze angekommen machten wir uns Gedanken, wie wir eine auf dem Tatra verladene KTM aus Libyen ausführen und nach Tunesien einführen könnten, denn der Fahrer hatte uns bereits eine Woche vorher per Flieger verlassen und irrtümlich alle Papiere mitgenommen. Für den Pritschentatra, auf dem 5 Motorräder verzurrt waren, fühlten sich mindestens 10 Zollbedienstete verantwortlich. Also: Schmuggeln war die Lösung, denn wir erkannten schnell, dass bei diesen vielen Offiziellen die rechte Hand nicht weiß, was die Linke macht. Zuerst dachten wir, das klappt nie, aber mit den Papieren der 2. KTM und einem unguten Gefühl im Bauch hatten wir es tatsächlich geschafft, weil keiner gemerkt hat, dass ein Motorrad zuviel dabei war.
In Kairouan machten wir Rast um an unserem letzten Abend durch die Medina (Altstadt) zu schlendern. Hier bot sich die Gelegenheit unser letztes Geld zu verjubeln. Unser letztes Camp auf dem afrikanischem Kontinent schlugen wir im Hafen von Tunis auf. Die Reise fand mit einer riesigen Pfanne frischer Scampis und leckeren Saucen ihren kulinarischen und würdigen Abschluss.

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